WORUM GEHT ES IN THE STRANGE CASE OF DR. JEKYLL & MR. HYDE ?

“Mit jedem Tag und von beiden Seiten meiner Intelligenz, der moralischen und der intellektuellen, näherte ich mich so beständig jener Wahrheit, deren teilweise Entdeckung mich zu einem so entsetzlichen Schiffbruch verurteilt hat: dass der Mensch in Wahrheit nicht einer, sondern in Wahrheit zwei ist.“ (Dr. Jekyll & Mr. Hyde, Kap. 10)

Dunkle Nebelschwaden wabern durch das London des 19. Jahrhunderts und durch die wohl bekannteste Geschichte von Robert Louis Stevenson, veröffentlicht 1886, in der ein kleiner, hutzeliger und fies aussehender Mann namens Mr. Hyde sein Unwesen treibt. Seine Verbindung zum renommierten und angesehenen Arzt Dr. Henry Jekyll ist nur wenigen bekannt. Zu den Eingeweihten gehört Jekylls ältester Freund Mr. Utterson. Der Anwalt ist mit dem Testament seines Freundes betraut, kann aber nicht verstehen, wieso Jekyll veranlasst, dass Mr. Edward Hyde sein gesamtes Erbe im Falle seines Ablebens oder mysteriösen Verschwindens erhalten soll – vor allem, weil er schreckliche Geschichten über eben diesen Mr. Hyde gehört hat. So soll er eines Nachts ein kleines Mädchen niedergetrampelt und keinerlei Reue für seine Tat gezeigt haben. Jeder Mensch, der Mr. Hyde begegnet ist, berichtet das Gleiche: Bei seinem Anblick läuft es einem irgendwie eiskalt den Rücken herunter. Auch Mr. Utterson erlebt diese Empfindungen, als er Mr. Hyde das erste Mal trifft. Dr. Jekyll jedoch verteidigt Hyde, als Utterson ihn auf seinen Erben anspricht, und bittet den Anwalt, sein Testament zu vollstrecken, falls es nötig sein sollte. Auch wenn Utterson ein ungutes Gefühl dabei hat, verspricht er es seinem Freund.

Ein Jahr vergeht, in dem Mr. Hyde nicht gesehen wurde, bis ein Mord am Parlamentarier Carew die Stadt erschüttert: Auf offener Straße erschlägt Mr. Hyde wie von Sinnen den alten Herrn. Später kann aufgrund einer Zeuginnenaussage und der Durchsuchung seiner Wohnung Mr. Hyde als der Mörder festgestellt werden. Doch diese Erkenntnis führt nicht zu seiner Festnahme – im Gegenteil, Mr. Hyde scheint wie vom Erdboden verschluckt. Dr. Jekyll wirkt ebenso bestürzt wie sein Freund Utterson und schwört ihm, dass er Hyde nie wieder sehen wird. Nach einiger Zeit zieht Dr. Jekyll sich plötzlich vollkommen zurück und empfängt keinen Besuch mehr. Mr. Utterson versucht, aus dem Verhalten seines Freundes schlau zu werden, doch die Zusammenhänge werden immer verworrener. Als er eines Abends zum Haus von Dr. Jekyll gerufen wird, berichtet ihm der Butler Poole, dass etwas Merkwürdiges im Arbeitszimmer seines Herrn vorgeht. Gemeinsam brechen Sie die Tür des Zimmers auf und sehen einen zuckenden Körper auf dem Teppich liegen. Doch ist es nicht der Doktor, der dort tot auf dem Boden liegt, sondern Edward Hyde. Von Jekyll ist keine Spur zu finden, obwohl sie jeden Winkel des Gebäudes absuchten. Auf dem Schreibtisch findet Utterson einen Briefumschlag mit Jekylls ‘Geständnis’ und beginnt zu lesen: 

Schon immer hatte Henry Jekyll das Gefühl, ein Doppelleben zu führen: Als respektierter Teil der Gesellschaft verspürte er auch einen ausgeprägten Hang zum Lasterhaften. Hin- und hergerissen zwischen den gesellschaftlichen Ansprüchen und seinem Wunsch nach Zerstreuung fühlt er sich innerlich gespalten. Sein Interesse am Mystischen und Transzendentalen, gepaart mit der Wissenschaft der Chemie, führte dazu, dass er sich mit einer zweigeteilten Persönlichkeit beschäftigte (Anm.: Hier ist nicht von einer dissoziativen Störung die Rede). Sein Wunsch, die zwei Identitäten nicht nur geistig, sondern auch körperlich zu separieren, wird zur Besessenheit. Die Versuche sind von Erfolg gekrönt: Er fand eine Salzlösung, die es ihm möglich machte, seinen ‘abtrünnigen’ Teil zu verkörperlichen. Er verwandelte sich zum ersten Mal in Edward Hyde. Hocherfreut nutzte er die neuen Möglichkeiten, die ihm sich auftaten: Er konnte unbehelligt dem Lasterhaften frönen, ohne Sorge zu haben, dass sein Ruf als angesehener Arzt darunter leiden könnte. Dies tat er auch ausgiebig, bis ihn irgendwann sein Gewissen angesichts der abscheulichen Taten quälte, die Hyde ausübte. Das schmächtige Alter Ego wurde mit der Zeit immer kräftiger und jünger. Als er eines Morgens feststellte, dass er zwar als Dr. Jekyll zu Bett gegangen, aber als Edward Hyde aufgewacht war, wurde ihm bewusst – er verlor nach und nach die Kontrolle über die Verwandlungen. Er fühlte sich immer mehr entfremdet von dem Teil seiner Selbst, den er mutwillig befreit hatte und versuchte, die Verwandlungen zu unterdrücken und sein Leben in frommere Bahnen zu lenken. Jekyll musste jedoch feststellen, dass Hyde nach einiger Zeit wieder die Oberhand gewann und seine Wut, so lange eingesperrt gewesen zu sein, im Mord am Parlamentarier Carew gipfelte. Seine Erschütterung führte zum völligen Rückzug von der Gesellschaft. Die Verwandlungen passierten nun regelmäßig und vollkommen unkontrolliert. Jekylls ursprüngliche Angst, Hyde wegen des Mordes verurteilt zu sehen, wandelte sich in die Angst davor, sich in Hyde zu verwandeln. Er schrieb dieses Geständnis, kurz bevor Utterson und Poole in sein Arbeitszimmer eindrangen, und verabschiedete sich von seinem ältesten Freund mit den Worten: 

“Wird Hyde auf dem Schaffott sterben? Oder wird er den Mut finden, sich im letzten Moment zu erlösen? Gott weiß es. Mich kümmert es nicht. Dies ist meine wahre Todesstunde, und was danach kommt, betrifft einen anderen als mich. Hier also, indem ich die Feder niederlege, um mein Bekenntnis zu versiegeln, setze ich dem Leben jenes unglücklichen Henry Jekyll ein Ende.”  (Dr. Jekyll & Mr. Hyde, Kap. 10)