WAS IST GOTHIC FICITON?

Gothic Fiction entstand im 18. Jahrhundert da, wo die Aufklärung an ihre Grenzen stieß. Vernunft allein reichte nicht aus, um die Welt zu erklären und hier setzen sowohl Romantik als auch Gothic Fiction an: Natur, Gefühl und Individualismus sollten mit der strengen Logik der Aufklärung brechen. Während die Romantiker*innen jedoch nach Harmonie strebten, Widersprüche zu vereinen versuchten und einen höheren Sinn suchten, machte die sog. ‚Schauerliteratur‘ der Gothic Fiction gerade das Gegenteil:

Ruinen, düstere Landschaften, bedrohte Figuren und bedrohliche Machtstrukturen betonen Dissonanz, Chaos und Verfall, anstatt sie zu verklären. Typische Motive dieser Literatur waren die verletzliche Heldin, der bedrohliche männliche Antagonist, abgeschlossene Räume, Gewalt und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Realität und Übernatürliches verschwimmen in Träumen, Visionen und Albträumen.

Der Begriff stammt aus der Architektur des 15. Jahrhunderts und war entsprechend konnotiert mit dem Mittelalter, dem Barbarischen, Anarchischen und Abergläubischen – und strahlte gleichzeitig eine Faszination aus, die literarisch aufgegriffen wurde.

Als das erste Werk der Gothic Fiction gilt Horace Walpole’s The Castle of Otranto aus dem Jahr 1764, in dessen Vorwort er schreibt:

 „Miracles, visions, necromancy, dreams, and other preternatural events, are exploded now even from romances“ (Walpole 6).

Während in früheren Werken der Schauerliteratur, beispielsweise von Walpole, das Unheimliche nach von einem übernatürlichen ‚Außen‘ stammt, verlagerte sich die Bedrohung in späteren Werken wie Mary Shelley’s Frankenstein immer mehr ins ‚Innere‘ und fokussierte menschliche Abgründe.

In dieser Entwicklung sind besonders die Brontë-Schwestern zu erwähnen:

Ihre Romane weisen deutliche gothic-Elemente auf: abgelegene, düstere Herrenhäuser, unheimliche Atmosphären und scheinbar übernatürliche Ereignisse – jedoch entpuppt sich die Bedrohung immer wieder als menschlich anstatt transzendental. Psychologische Abgründe treten anstelle von echten Geistern; zwischenmenschliche Dynamiken wie Liebe, Rache, Leidenschaft und Geheimnisse treiben die Figuren in beklemmende Umstände.

Hume, Robert D.:Gothic Versus Romantic: A Revaluation of the Gothic Novel.“ In: PMLA 84 (2), 1969. S. 282-90.

Hogle, Jerrold E.: „The Gothic-Theory Conversation: An Introduction.“ In: The Gothic and Theory. An Edinburgh Companion. Hrsg. von. Jerrold E. Hogle u. Robert Miles. Edinburgh: Edinburgh University Press, 2020.

Walpole, Horace: The Castle of Otranto. Oxford: Oxford University Press, 2008.