WORUM GEHT ES IN THE TENANT OF WILDFELL HALL?

Vier verschiedene Ausgaben von Anne Brontës The Tenant of Wildfell Hall mit weißer und pinker Schrift unten im Bild

The Tenant of Wildfell Hall, Anne Brontës 1848 veröffentlichter, zweiter und letzter Roman, erzählt eindrücklich von der Emanzipation einer Frau, die vor dem Einfluss ihres missbräuchlichen Ehemanns flieht, um ihren Sohn zu schützen. Gehandelt als einer der ersten feministischen Romane hebt sich The Tenant als eher beobachtende moralische Gesellschaftsstudie von den stark introspektiven Werken Charlotte und Emily Brontës ab. Insbesondere aufgrund der Beschreibungen problematischen Alkoholkonsums und dem daraus resultierenden Verhalten sorgte das Buch zur Zeit der Veröffentlichung für Aufsehen, wurde als ‚anstößig‘ und  ‚vulgär‘ bezeichnet und trotz seines Erfolgs teils heftig kritisiert. Darauf reagierte Anne Brontë im Vorwort zur zweiten Auflage mit den einfachen Worten: “I wished to tell the truth, for truth always conveys its own moral to those who are able to receive it.” Vielleicht verhandelt The Tenant of Wildfell Hall gerade deswegen wie wohl kein anderes Brontë-Werk damals wie heute gültige Themen von Gender und Ehe.

Der Briefroman ist erzählt aus der Perspektive von Gilbert Markham, einer der Hauptfiguren, der 1847 in Korrespondenz mit einem Freund auf die ihn prägenden Ereignisse vor 20 Jahren zurückblickt.

1827: In der Dorfgemeinschaft von Linden-Car gibt es viel zu reden, als das seit Langem leerstehende Landhaus Wildfell Hall von einer jungen Witwe und ihrem 5-jährigen Sohn bezogen wird. Helen Graham wirkt sehr mysteriös; sie ist seltsam distanziert und misstrauisch und scheint ihr Kind vom Einfluss anderer beschützen zu wollen. Während die ansässigen Bewohner*innen ihr äußerst skeptisch gegenüber eingestellt sind, ist der damals 24-jährige Gilbert von Beginn an fasziniert von Helen. Er nähert sich ihr an, verbringt mehr und mehr Zeit mit ihr und ihrem Sohn und verliebt sich schließlich in sie. Auch, als über eine Affäre zwischen Helen und Frederick Lawrence, dem Besitzer von Wildfell Hall, gemunkelt wird, verteidigt er sie vehement. Obwohl Helen offensichtlich Gilberts Gefühle erwidert, versucht sie jedoch mit aller Macht, eine romantische Beziehung zwischen ihnen zu unterbinden. Dann belauscht Gilbert sie zufällig bei einer Unterhaltung mit Frederick Lawrence. Die Gerüchte um die Affäre scheinen sich zu bestätigen. Aus Eifersucht verletzt er Mr. Lawrence und sucht verzweifelt das Gespräch mit Helen. Als sie von seinen Vermutungen erfährt, übergibt sie Gilbert ihr Tagebuch und bittet ihn, es zu lesen. Den Hauptteil des Romans machen daher Helens Tagebuchaufzeichnungen aus, die den Zeitraum von sechs Jahren bis zu ihrer Ankunft in Wildfell Hall umfassen. Daraus geht hervor, dass Helen mit der Unterstützung ihres Bruders – denn als dieser entpuppt sich Mr. Lawrence – ihrem missbräuchlichen Ehemann entkommen ist und nun unter falschem Namen in Wildfell Hall mit ihrem Sohn Zuflucht gefunden hat.

Das Tagebuch beginnt 1821. Helen beschreibt, wie sie mit 18 Jahren den nonchalanten Arthur Huntingdon während ihrer ersten Saison in London kennenlernt und sich in ihn verliebt. Entgegen den Warnungen ihrer Tante, einen Mann aus voreiliger Verliebtheit, ohne genaue Kenntnis seines Charakters und mit womöglich fragwürdigen Prinzipien zu heiraten, nimmt sie Arthurs Antrag an. Etwaige Bedenken hinsichtlich seines leichtfertigen Auftretens und lasterhaften Freundeskreises schiebt sie beiseite im Glauben, ihn als seine Ehefrau bessern zu können. Doch schon kurz nach der Hochzeit tun sich Risse auf: Arthur lässt sie und ihren gemeinsamen Sohn immer wieder wochenlang allein in Grassdale, seinem Landhaus, und antwortet kaum auf ihre Briefe, während er in London mit seinem befreundeten Männerzirkel verkehrt. Zurück in Grassdale zeigt er sich oft launisch, nicht zuletzt aufgrund seines problematischen Alkoholkonsums. Besonders, wenn Arthur immer mal wieder seine Freunde nach Grassdale einlädt, finden abends ausgelassene Tischrunden statt. Helen leidet sehr unter der Situation. Schließlich findet sie heraus, dass Arthur eine Affäre mit Annabella Wilmot, der Ehefrau seines Freundes Lord Lowborough, führt. Eine Trennung ist ihr nicht möglich, da Arthur als ihr Ehemann seine nach geltendem Recht notwendige Zustimmung verweigert. Stattdessen ist sie zusätzlich den unliebsamen Avancen eines weiteren, scheinbar einfühlsamen Freundes ihres Ehemanns, Walter Hargrave, ausgesetzt. Als Arthur beginnt, auch ihren Sohn an den abendlichen Zusammenkünften zu beteiligen und zur allgemeinen Erheiterung der Männer zum Konsum von Alkohol und dem Gebrauch von vulgärer Sprache gebracht wird, beschließt Helen, zu fliehen und so ihren Sohn vor dem schädlichen Einfluss des Vaters zu schützen. Mithilfe einer Angestellten verkauft sie heimlich ihre selbstangefertigten Gemälde und versteckt das damit eigens verdiente, für die Flucht vorgesehene Geld. Obwohl Arthur dahinterkommt, ihre Malutensilien verbrennt und ihr das angesparte Geld nimmt, gelingt es ihr schließlich doch noch, durch die Unterstützung ihres Bruders mit ihrem Sohn nach Wildfell Hall zu fliehen.

An dieser Stelle wird wieder die rahmende Erzählung von Gilbert Markham aufgegriffen. Da Helen also tatsächlich keine Witwe, sondern die Ehefrau von Arthur Huntingdon ist, kann sie Gilbert nicht heiraten. Schweren Herzens kommt er ihrer Bitte um Abstand nach. Arthur erkrankt kurz darauf schwer. Helen fühlt sich immer noch für ihn als ihren Ehemann verantwortlich und kehrt zurück nach Grassdale, um ihn zu pflegen. Dennoch stirbt er wenige Wochen später. Etwa ein Jahr, nachdem Gilbert Helen zuletzt gesehen hat, ereilt ihn das Gerücht von einer geplanten Hochzeit Helens. Gilbert reist Hals über Kopf los, um ihr seine weiterhin beständigen Gefühle zu gestehen und so die Hochzeit zu verhindern. Das Gerücht um die Hochzeit stellt sich zur Gilberts Erleichterung als unwahr heraus; trotzdem befallen ihn Zweifel an seinem Vorhaben: Er erfährt, dass Helen reich geerbt hat und befürchtet, dass der Standesunterschied zwischen ihnen nun zu groß ist. Doch als Helen schließlich auf ihn trifft, sprechen sich die beiden aus und beschließen glücklich, zu heiraten.

Abgesehen von Helen, Arthur und Gilbert erzählt der Roman auch von den Schicksalen seiner Nebenfiguren und ihrer Beziehungen untereinander. Die verschiedenen Beispiele fügen sich dabei zu einer die Geschichte umspannenden, gesellschaftskritischen Reflexion zusammen, insbesondere über die Rolle von Frauen mit ihrer durch die damalige Gesetzgebung geförderten, freiheitseinschränkenden Dimension in einer heteronormativen Ehe des frühen 19. Jahrhunderts.

Quellen:

Matus, Jill: “‘Strong family likeness’: Jane Eyre and The Tenant of Wildfell Hall”. In: The Cambridge Companion to the Brontës. Hrsg. v. Heather Glen. Cambridge: Cambridge University Press, 2002. S. 99–121.