WER SIND DIE BRONTË SCHWESTERN?
Charlotte, Emily und Anne Brontë – das sind die wohl bekanntesten und vielleicht auch mysteriösesten Schwestern der Literaturgeschichte. Ihre Bücher, geschrieben vor 180 Jahren, werden bis heute auf der ganzen Welt geliebt, als Theaterstücke inszeniert, verfilmt und vertont – nicht zuletzt, weil sie ein hohes Identifikationspotenzial bieten.
Die Geschichten spielen in regionalen Settings und handeln oft von Protagonist*innen außerhalb der Oberschicht, deren „intensives, subjektives Erleben“ (Übers. d. Verf., Glen S. 2) in den Fokus gestellt wird. Mit „ihrem leidenschaftlichen Individualismus, ihrer Auflehnung gegen gesellschaftliche und moralische Konvention, ihrem Fokus auf Rebellion und Verlangen“ (Übers. d. Verf., Glen S. 2) hoben sie sich deutlich von zeitgenössischer viktorianischer Literatur ab – auch aus feministischer Perspektive: „[D]ie Ablehnung von Passivität und Anerkennung der Notwendigkeit eines aktiven Raums für Frauen” (Übers. d. Verf., Flint S. 190) ist als zentrale Aussage in die Texte eingewebt. Insgesamt stießen die Brontës damit auch auf kritische Reaktionen. Ihre Romane wurden als ‚coarse‘, also ‚grob‘, ‚vulgär‘ oder ‚anstößig‘, bezeichnet, was sich weiter verschärfte, als die Identität der Schriftstellerinnen offenbart wurde: „Wie war es möglich, für eine unverheiratete Frau, die ein Leben in vollkommener Unbedeutendheit und Zurückgezogenheit in einem abgeschiedenen Dorf in Yorkshire lebte, so schockierende Bücher zu schreiben?“ (Übers. d. Verf., Barker S. 14).
Aufgewachsen Anfang des 19. Jahrhunderts in der kleinen Stadt Haworth inmitten der Heidelandschaft West Yorkshires, fingen die drei zusammen mit ihrem Bruder Branwell bereits als Kinder an, sich Fantasiewelten, Gedichte und Geschichten auszudenken, die sie in handgebundenen Miniaturbüchern festhielten. Ihr Vater Patrick Brontë, der aus Irland stammende Vikar der örtlichen Gemeinde, förderte ihre religiöse, politische und kulturelle Bildung; ihre Mutter Maria Branwell und zwei ältere Schwestern waren bereits früh gestorben. Ab dem Erwachsenenalter arbeiteten die Schwestern als Lehrerinnen und Gouvernanten an unterschiedlichen Orten. Nachdem Charlotte von einem Aufenthalt in Brüssel nach Haworth zurückgekehrt war, überzeugte sie Emily und Anne davon, ihre Werke zu veröffentlichen. Unter den männlichen Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell erschien 1846 zunächst eine Gedichtsammlung (Poems) und ab 1847 die weltberühmten Romane. Nur für eine kurze Zeit konnten sich die Geschwister über die Veröffentlichungen freuen: 1848 starb Branwell im Alter von 31 Jahren an Tuberkulose; wenige Monate später folgten Emily und schließlich auch Anne im Alter von jeweils 30 und 29 Jahren. Charlotte veröffentlichte nach dem Tod ihrer Geschwister noch zwei weitere Romane und heiratete Arthur Bell Nichols, den Hilfspfarrer ihres Vaters, bevor sie selbst 1855 mit 38 Jahren während einer Schwangerschaft starb. Auch aufgrund dieser tragischen Biografie ist ein regelrechter Mythos um die Brontës und ihre Werke entstanden und ihr Zuhause, das Pfarrhaus in Haworth, gehört heute zu den meistbesuchten literarischen Wirkungsstätten Englands.
Quellen:
„The Brontë novels.“ In: Brontë Parsonage Museum, https://www.bronte.org.uk/about-the-brontes/the-bronte-novels (letzter Zugriff: 04.04.2026).
„The lives of the Brontës.“ In: Brontë Parsonage Museum, https://www.bronte.org.uk/about-the-brontes/the-lives-of-the-brontes (letzter Zugriff: 04.04.2026).
„Chronology of the Brontë family.“ In: The Cambridge Companion to the Brontës. Hrsg. v. Heather Glen. Cambridge: Cambridge University Press, 2002. Xiii–xvi.
Barker, Juliet: „The Haworth context.“ In: The Cambridge Companion to the Brontës. Hrsg. v. Heather Glen. Cambridge: Cambridge University Press, 2002. S. 13–33.
Bock, Carol: „‘Our plays‘: the Brontë juvenilia.“ In: The Cambridge Companion to the Brontës. Hrsg. v. Heather Glen. Cambridge: Cambridge University Press, 2002. S. 34–52.
Flint, Kate: „Women writers, women’s issues.“ In: The Cambridge Companion to the Brontës. Hrsg. v. Heather Glen. Cambridge: Cambridge University Press, 2002. S. 170–191.
Glen, Heather: „Introduction.“ In: The Cambridge Companion to the Brontës. Hrsg. v. ders. Cambridge: Cambridge University Press, 2002. S. 1–12.
Stoneman, Patsy: „The Brontë myth.“ In: The Cambridge Companion to the Brontës. Hrsg. v. Heather Glen. Cambridge: Cambridge University Press, 2002. S. 214–241.