WORUM GEHT ES IN FRANKENSTEIN?
„It is true, we shall be monsters, cut off from all the world; but on that account we shall be more attached to one another.“ (Frankenstein, Vol. 2, Kap. 9)
Der Name ‚Frankenstein‘ dürfte den meisten geläufig sein und erweckt direkt die Assoziation von Horror, Monster, Tod. Allein die Entstehungsgeschichte ist schauerlich: Der Legende nach trafen sich Mary Godwin (später Shelley), Percy Shelley, Lord Byron und John Polidori im „Jahr ohne Sommer“ 1816 in der Villa Diodati am Genfersee. Wegen des düsteren Wetters beschloss die Runde, Geistergeschichten zu schreiben. Daraus entstand nicht nur Frankenstein, sondern auch Polidoris legendäre Vampirgeschichte The Vampyre.
Frankenstein gilt als eine der bedeutendsten Gothic Novels und wird auch als eines der ersten Science-Fiction-Werke gehandelt. Dass Mary Shelleys Roman darüber hinaus viel mehr ein Werk über Beziehung, Care und Einsamkeit ist, bemerkt man meist erst, wenn man das Buch zur Hand nimmt.
Aber von Anfang an: Die bekannte Frankenstein-Erzählung ist, wie oft in der Gothic Fiction, eine Binnenerzählung innerhalb einer anderen Narration. Genauer gesagt ist sie sogar dreifach verschachtelt: Den Rahmen bilden Briefe, die der Forscher Robert Walton während seiner Expedition in die Arktis an seine Schwester schreibt. Darin steht Viktors Bericht und darin wiederum die Erzählung des Wesens. Wiederkehrende Themen sind dabei Isolation und der Rausch der Entdeckung. Walton trifft auf einen einsamen, verlorenen Mann, der ihn mit seiner Ausstrahlung und Traurigkeit stark fasziniert. Der Fremde stellt sich als Victor Frankenstein heraus und beginnt zu erzählen, wie er an diesen Punkt kam.
Hier setzt Frankensteins Binnenerzählung ein. Victor berichtet von seiner behüteten (debatable) Kindheit in Genf. Er schwärmt von seinen liebevollen Eltern, beschreibt sich aber auch als deren „plaything and idol“ (Vol. 1, Kap. 1). Die Eltern nehmen ein weiteres Kind auf, das die Mutter bei armen Bauern in Italien gefunden hat: Elizabeth. Sie wird Viktor regelrecht als „pretty present“ (Vol.1, Kap. 1) geschenkt, als seine Gefährtin.
Als junger Mann zieht Victor zum Studium nach Ingolstadt. Schon als Kind hatte er die Schriften von Alchemisten und Naturphilosophen wie Agrippa, Paracelsus und Albertus Magnus verschlungen. An der Universität verspottet Professor Krempe diese Lektüren. Professor Waldman dagegen begeistert ihn für die moderne Chemie. Das Studium nimmt ihn regelrecht ein, und er beginnt ein ehrgeiziges Experiment: Er möchte Leben erschaffen.
Viktor ist besessen. Er isoliert sich völlig von Familie und Freunden, vernachlässigt seine Gesundheit und arbeitet Nächte durch. In dieser selbstgewählten Einsamkeit entsteht schließlich das Wesen, indem Victor menschliche Körperteile von Friedhöfen sammelt. Doch der Moment, in dem es die Augen öffnet, bereitet Viktor keinen Triumph, im Gegenteil, er ist entsetzt. Viktor erschrickt vor der Hässlichkeit seines Geschöpfs und flieht. Seine erste Handlung nach der Erschaffung ist also nicht Fürsorge, sondern Verleugnung.
Das Wesen bleibt allein zurück. Wie ein Kind lernt es durch Beobachtung Sprache, Gefühle und die Ordnung der Welt. Heimlich beobachtet es die Familie De Lacey, Menschen, die einander sehr zugewandt sind, und erfährt dadurch, was ihm selbst fehlt. Als es sich ihnen zeigt, wird es erneut verstoßen, diesmal von denen, die es liebgewonnen hatte. Von da an ist seine Entwicklung nicht mehr unschuldig. Es tötet Viktors kleinen Bruder William und schiebt die Tat dem Dienstmädchen Justine Moritz in die Schuhe, die dafür hingerichtet wird. Viktor erkennt mit Entsetzen, dass der eigentliche Täter sein Geschöpf ist, bleibt jedoch stumm. Zwar geplagt von Schuldgefühlen bleibt er handlungsunfähig und lässt die Ungerechtigkeit an Justine geschehen.
In einer Konfrontation zwischen Victor und seinem Wesen, wirft letzteres seinem Schöpfer vor, ihn vernachlässigt zu haben: „Oh, Frankenstein, be not equitable to every other and trample upon me alone, to whom thy justice, and even thy clemency and affection, is most due“ (Vol. 2, Kap. 2)). Erst durch die mangelnde Fürsorge durch seinen Schöpfer und daraus entstandene Isolation sei es grausam und gewalttätig geworden. Es bittet daher Viktor, ihm eine Gefährtin nach dem Ebenbild des Wesens zu schaffen, damit es nicht das einzige seiner Art bleibt. Viktor lässt sich überreden. Dann zerstört er jedoch das halbfertige Wesen aus Angst vor einer „race of devils“ (Vol. 3, Kap. 3) und verweigert damit zum zweiten Mal die Verantwortung für sein Geschöpf. Das Wesen rächt sich: Es tötet Victors Freund Clerval und später Elizabeth in der Hochzeitsnacht. Victors Welt zerfällt vollständig.
Victor jagt das Wesen bis in die Eiswüste des Nordens. Dort holt ihn die Rahmenerzählung ein: Walton findet ihn, hört seine Geschichte und wird schließlich selbst Zeuge des Wesens. Victor stirbt an Bord des Schiffes. Das Wesen erscheint an seinem Leichnam und hält einen Abschiedsmonolog. Mit der Ankündigung, sich selbst zu vernichten, verschwindet es im Eis.
Zurück bleibt Walton, der auf Drängen seiner Mannschaft umkehrt. Damit tut er, was Victor nie gelang: Er erkennt, wie dünn die Grenze zwischen Wissensdurst und Verantwortungslosigkeit ist.